Die jungen Bösen im feinen Sägemehl

Das Wandermagazin Schweiz macht dich zum Wanderer. Gleichzeitig lässt dich das Magazin die Schweiz mit seinen Kulturen und seiner Vielfalt entdecken. In der neuesten Ausgabe durften wir einen Artikel über den Schweizer Nationalsport, das Schwingen schreiben.



Montagabend 18.15 Uhr in Visp. Ein Dutzend Jungs treffen sich. Nicht zum Fussballspielen, nicht zum Schwimmen, nicht zum Skaten. Ihr Interesse gilt der lebendigen, vielfältigen Schweizer Kultur: dem Schwingen. Der Schwingklub Oberwallis hat sich in Visp eine eigene Trainingshalle gebaut. Tonnenweise Sägemehl inklusive.


Schwingen statt «Tschutten»

«Mein grosses Vorbild ist Stucki Christian», sagt Iven Gsponer aus Baltschieder. Der 12-Jährige strotzt vor Energie. Im Schwingen kann er dieser geballten Ladung freien Lauf lassen. Man merkt es, wenn er sich zusammen mit Kian Imhasly (11) aus Fieschertal aufwärmt. Keine Sekunde sind die beiden still. «Mein Opa war auch schon ein Schwinger», sagt Kian mit einer Prise Stolz. «Da mir dieser Sport gefällt, möchte ich diese Tradition in der Familie weiterführen.» Fürs Fussballspielen, wie es Jungs in seinem Alter tun, sei er nicht zu gebrauchen, sagt Kian von sich selbst. Auch Ramon Schmidt (10) aus dem steilen Walliser Bergdorf Embd trainiert für einen erfolgreichen Schwingsommer. «Wenn meine Schulkollegen erfahren, dass ich Schwinger bin, machen sie vor Respekt grosse Augen», so Ramon. So dürfe er ihnen auf dem Pausenplatz immer wieder erzählen, was sie Neues im Schwingklub gelernt hätten. «Der Hüfter ist mein Lieblingsschwung», sagt Ramon. «Da braucht man Kraft und kann den Gegner komplett sperren.»



Das Training beginnt spielerisch mit einem Ballspiel. Nun wird jedes Körperteil aufgewärmt. Ein paar Runden laufen im Sägemehl gehört dazu. Danach geht es mit Zwilchhose ans Eingemachte. Iven und Ramon trainieren zusammen. «Grifffassen und gut», heisst es vom Trainer. Schulter an Schulter trainieren die jungen Oberwalliser ihren Schwung. Einmal landet Iven im Sägemehl, jenes mal ist es Ramon. «Aufstehen, meinem Gegner das Sägemehl wegschlagen und weiter geht es», spricht Iven konzentriert mit sich selbst.


Die Bösen von morgen

Eines Tages wollen die drei Jungs starke Schwinger werden und als «böse» bezeichnet werden. Diese Bezeichnung ist keineswegs eine Anschuldigung. Der Begriff gehört vielmehr zum festen Bestandteil der Schwinger-Kultur. Wer «böse» als «schlecht» versteht, der irrt. Ein guter Schwinger ist sogar ein «ganz Böser».



Die Bedeutung für das Wort kommt aus alten Zeiten. Im Bernbiet, einem der Ursprungsregionen des Schwingens, hatte man es «bös», wenn man schwere und mühselige Arbeiten verrichten musste. Wer gegen einen starken Schwinger antreten muss, hat ebenfalls schwere und mühselige Arbeit. Daraus hat sich der Begriff «böse» für einen starken Schwinger entwickelt. Was für ein Widerspruch. Wird doch beim Schwingen Kameradschaft, Respekt und Fairness grossgeschrieben.


Jahrhundertealte Tradition

Von wo das Schwingen kommt, lässt sich schwer sagen. Es gibt in der Kathedrale in Lausanne eine Darstellung aus dem 13. Jahrhundert, die eine Art Griff fassen zeigt. Heute weiss man, dass im Mittelland und in der Zentralschweiz der Hosenlupf ein fester Bestandteil von Festen war. Oft wurde um ein Stück Hosentuch, ein Schaf oder andere Naturalien geschwungen. Ähnlich wie heute zählte der Ruhm des Sieges mehr als der eigentliche Preis.


In der Schwinghalle in Visp sind Iven, Kian und Ramon vertieft in ihr Training. Sie haben Spass daran, aber auch Ehrfurcht. Trotz ihren jungen Jahren sehen sie im Schwingsport eine gelebte Kultur, die weitergeführt werden will. Dafür vergiessen sie jeden Montag- und Donnerstagabend viel Schweiss. Sie leben die Schweiz nicht nur im Sport. Oder ist es Zufall, dass alle drei in ihrer Freizeit Schwyzerörgeli spielen?

 

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